Italienaustausch

Ein Austausch besteht in den meisten Fällen aus zwei Teilen: Der erste Teil dieses Schulprojekts war der Besuch der rund 20 italienischen Austauschschüler (von denen nur einer männlich war) in München. Ich will mich hier jedoch etwas kürzer fassen, da es schlicht unmöglich ist, all die Eindrücke und Erlebnisse dieser zehn Tage zu schildern. Ich kann nur jedem raten, es selbst auszuprobieren...

Zwecks Völkerverständigung fanden wir uns also am Abend des 21. März 2007 im Hauptbahnhof ein, um – leicht nervös versteht sich, man weiß ja schließlich am Anfang nicht wen man da jetzt zu beherbergen hat – die Italiener in Empfang zu nehmen. Doch die Nervosität verflog in den meisten Fällen schon am ersten Abend. Der folgende Aufenthalt der Gastschüler, der genau in der Übergangsphase von Winter zu Frühling lag (erste Hälfte Schnee, zweite Hälfte Sonne), war gezeichnet von etlichen Ausflügen (u.a. nach Neuschwanstein), gemeinsamem Schulbesuch (sogar mit Minister!), Kneipen- und Discobesuchen, Shoppingtouren, strapazierten Geldbeuteln, erhöhten Telefonrechnungen, Übermüdungserscheinungen und natürlich auch jeder Menge Spaß. Wir gaben uns Mühe, auch weil man ja – laut Lehrern – schließlich „Maßstäbe” setzte, den Italienern den Aufenthalt unvergesslich zu machen, und wurden dafür mit einem tränenreichen Abschied gewissermaßen „belohnt”.

Nachdem wir die Osterferien und zwei lange Schulwochen durchlebt hatten, kamen wir nun endlich zum zweiten Teil: Wir fahren nach Italien!
Wie der erste begann auch der zweite Teil am Hauptbahnhof. Es folgten sechs langweilige Zugstunden, ein kurzer Aufenthalt in Bologna, und dann weitere sechs Stunden Zug. Interessant zu beobachten war, dass sich in der letzten Stunde vor Roseto bei den meisten das alte Kribbeln wieder einstellte. In Roseto wurden wir schließlich herzlich von unseren Austauschpartnern empfangen. Schon am ersten Abend wurden wir Zeuge der berühmten italienischen Gastfreundschaft: Ob bei selbstkreiertem Menü oder bei selbstgebackener Fertigpizza (wie im meinen Fall), man begegnete uns stets mit großer Offenheit und las uns jeden Wunsch von den Lippen ab. Am nächsten Tag, den ich zu Anschauungszwecken ausführlicher beschreiben werde, besuchten wir das Liceo, wo wir bei einem fürstlichen Frühstück in der kerkerhaft anmutenden Turnhalle vom Schreckensherrscher „Preside Paludi” begrüßt wurden. Dieser hielt uns aber offensichtlich leider für etwas beschränkt und bestand, obwohl er mit uns redete wie mit Sechsjährigen, auf einer anschließenden Übersetzung seiner kostbaren Worte. Paludi, der Schule und Schüler fest im Griff hat, sollte in den nächsten Tagen noch für allerhand Ärger (u.a. wegen unzüchtiger Kleidung und vergessenem Grüßen) aber auch Belustigung sorgen. Allen Nachfolgern sei hier gesagt, dass sich der Austausch allein schon wegen Herrn Paludi lohnt...

Danach gewährte man uns, nachdem wir die Vorzüge des Austauschs in den unteren Klassen vorgestellt hatten, Einblick in den italienischen Schulalltag. Dieser unterscheidet sich grundsätzlich vom deutschen: Der Lehrer hält seinen Monolog oder fragt jemanden 30 Minuten lang aus, während die anderen Papierkugeln werfen, herumlaufen, schreien, eine Art Schulbank-Rugby spielen, kurz „un vero casino”, im Klartext einen Heidenlärm, veranstalten, der in Deutschland längst mit mehreren Verweisen und etlichen Rausschmissen geahndet worden wäre. Nach Schule und Mittagessen, wobei ich erfuhr, dass man sich als Italiener zu erzürnen hat, sollte letzteres nicht gut sein, fuhren wir zum Strand, den wir alle so ersehnt hatten. Dort gingen einige trotz mäßigen Wetters, das sich übrigens auch in den nächsten Tagen als launisch erweisen sollte (von sengender Hitze bis zu sintflutartigen Gewittern), schwimmen. Danach ließen wir den Tag in einer Pizzeria ausklingen...

In den folgenden Tagen, die ich hier bewusst nicht in der obigen „Ausführlichkeit” (auch die obige ist erbärmlich im Vergleich zum Erlebten) beschreibe, weil das sonst den Rahmen sprengen würde, machten wir zahlreiche Ausflüge, bei denen uns unsere in Griechenland erworbenen Bus-Schlafkünste wieder einmal gute Dienste erwiesen. Wir besuchten unter anderem Teramo, Castelli , Aquila, Sulmona, Rom, und Pescara. Der beeindruckendste Ausflug war natürlich der zum Nabel der Welt, nach Rom, das, auch wenn man es schon öfter gesehen hat, immer wieder beeindruckend ist . Aber auch die anderen Ausflüge hatten ihre ganz eigenen Höhepunkte. z.B. die Süßwarenfabrik in Sulmona. Die dort produzierten „Confetti”, mit Zucker überzogene Mandeln, ohne die in Italien Hochzeiten, Taufen und andere Festlichkeiten undenkbar sind, werden aus aller Welt bestellt. Neben den Ausflügen blieb auch noch viel Zeit für das eigentliche Hauptanliegen dieser Unternehmung, nämlich dem Kontakt und Austausch mit den Italienern und deren Familien. Zwar ist Roseto nur ein kleines Städtchen, aber dennoch bot dieser Austausch Gelegenheit, viel über Italiener und italienisches Denken zu erfahren. Ich hatte interessante Diskussionen mit meiner Gastfamilie, u.a. über Mussolini, rechte und linke Bewegungen in Italien und deren Meinung dazu. Ferner bewahrheiteten sich auch viele Klischees über die Italiener, z.B. die oben genannte Gastfreundschaft. Leider kann ich hier nur ein persönliches Beispiel anführen, aber einmal zeigte ich meiner Gastmutter einige Muscheln, die ich am Strand gefunden hatte, worauf sie in ein verzücktes Lachen ausbrach und mir die schönsten Muscheln aus ihrer Sammlung gab. Widerrede war übrigens nicht möglich! Außerdem war auch die konsequente Mästung der Gastschüler auffällig. Besonders am freien Sonntag, wo fast alle Teilnehmer des Austauschs als Gäste der Oma oder sonstigen Familienmitgliedern vorgeführt und dort meist auch königlich bewirtet wurden. Den berühmten Satz ”Mangia! Mangia!” bekamen auch wir des öfteren zu hören. Bei diesen Familienanlässen zeigte sich, dass auch das Klischee über die italienische Familie gar nicht so unwahr ist, da die Familie dort nachweislich einen sehr hohen Stellenwert einnimmt.
Neben diesen Dingen bekam man auch einen ersten Eindruck der italienischen Lebensart vermittelt, da wir nach Ausflügen und Familienessen natürlich noch lange nicht am Ende waren. Nach diesen „offiziellen Handlungen” ging man meistens zum Strand, lag dort in der Sonne, spielte Volleyball oder schwamm. Außerdem besuchten wir abends oft irgendwelche Cocktailbars oder Kneipen. Bei diesen Anlässen bot sich die Gelegenheit, die Italiener quasi in ihrem „natürlichen Lebensraum” zu beobachten und kennen zu lernen. So wurden wir Zeugen der berühmten Impulsivität der Italiener, da diese sich von einem Moment auf den anderen aufs heftigste streiten und im nächsten wieder vertragen konnten. Auch dass sich italienische Jugendliche eigentlich ausschließlich in Gruppen bewegen, war mir neu.

Alles in allem waren diese aufschlussreichen und unterhaltsamen zehn Tage mit ihren Ausflügen, langen Abenden und ihrer freundlichen Atmosphäre (und dem Essen?) ein voller Erfolg und gingen viel zu schnell vorbei. So verabschiedeten wir uns am 12. Mai 2007 schweren Herzens von unseren italienischen Freunden und fuhren heimwärts.
Man sollte natürlich versuchen, die Kontakte zu pflegen, und hat Versprechungen gemacht, dass man wieder kommt, aber im Grunde weiß man, dass das Zusammenkommen in dieser Form ganz einmalig war – und man es deshalb genießen sollte.
Alles in allem lässt sich sagen, dass diese Schulunternehmung in jedem Fall empfehlenswert und lohnend ist. Aber Italien ist nicht umsonst das Land der Individualisten und deshalb führt, da dieser Bericht im Vergleich zum Erlebten sehr dürftig ist, kein Weg daran vorbei, es selbst auszuprobieren, um die „ganze Wahrheit” zu erfahren und sich ein eigenes Bild zu machen.

Jakob Heemken