Geschichte

Gedanken zum neuen Lehrplan

„Man weiß nicht, wozu es gut ist ...”

Diese Redensart kann einem in den Sinn kommen, wenn im schulischen Kontext, sei es im Kollegenkreis, sei es bei Elternversammlungen, über den Geschichtsunterricht gesprochen wird.

Einerseits gilt historische Bildung irgendwie als wichtig, ja unverzichtbar, obwohl andererseits die unmittelbare Nutzanwendung fraglich bleibt. Das Gründungsjahr der Bundesrepublik z. B. nicht zu wissen, ist auch Schülerinnen und Schülern irgendwie peinlich, aber welchen Vorteil die Kenntnis der genauen Jahreszahl hat, ist auch nicht einfach zu bestimmen, zumal sich ja viele andere Ereignisse finden lassen, die genauso wichtig oder unwichtig sind.

Daher stellt sich die Frage: Wozu Geschichte? Und im Besonderen: Wozu Geschichte in der Schule?

Denn Geschichte ist ja auf vielfältige Weise präsent: in spannenden Spielfilmen wie Operation Walküre, in attraktiven Ausstellungen wie „Wiederaufbau und Wirtschaftwunder” in Würzburg; in aufregenden Veranstaltungen wie dem Kaltenberger Ritterturnier. Der schulische Geschichtsunterricht kann hier nicht konkurrieren: Tom Cruise ist nicht verfügbar; zur Visualisierung bleibt meist nur der Tageslichtprojektor und kämpfende Ritter passen nicht ins Klassenzimmer.

Wozu also Geschichte in der Schule?

Diese grundsätzliche Frage gewinnt an Aktualität dadurch, dass ab kommendem Schuljahr der neue Geschichtslehrplan für die Oberstufe in Kraft tritt. Dies ist ein guter Anlass, um über den Sinn historischen Lernens in der Schule nachzudenken – umso mehr, als die ministeriellen Vorgaben sich grundsätzlich von den bisherigen Bestimmungen unterscheiden. Traditionell folgen die Lehrpläne – nicht nur in Bayern, aber auch hier – dem Prinzip des chronologischen Durchgangs: Man beginnt bei der Vorgeschichte und endet bei der Gegenwart. Diese Grundidee, einen überblick über die historische Entwicklung zu bieten, bestimmt auch die Vorgaben für die Unter- und Mittelstufe. Daran schloss sich ein mehr oder weniger breit angelegter „zweiter Durchgang” an. Die durch den Fortgang der Zeit bedingte Ausweitung der Geschichte, der im Zeichen der Globalisierung sich weitende Blick auf andere Kulturräume einerseits und die wiederkehrende Forderung nach Stoffkürzung andererseits lassen diesen Anspruch zusehends problematisch werden.

Seit dem ersten zusammenhängenden Lehrplan für das Gymnasium in Bayern – der Lehrordnung von 1914 – folgt der Geschichtsunterricht nun nicht mehr diesem Prinzip des chronologischen überblicks, sondern sieht thematische Einheiten vor, die sich ausgewählten Problemen der historischen Entwicklung widmen. So soll in der 11. Jahrgangsstufe bei dem im ersten Halbjahr vorgesehenen Thema „Gesellschaft im Wandel (15. bis 19. Jh.)” das „Leben in der Ständegesellschaft” dem „Leben in der entstehenden Industriegesellschaft” gegenüber gestellt werden; im zweiten Halbjahr stehen dann „Probleme der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert” unter der überschrift „Demokratie und Diktatur” im Mittelpunkt, wobei der Bogen vom Untergang der Weimarer Republik über den Holocaust und die frühe Bundesrepublik bis hin zur deutschen Einigung gespannt wird.

Ohne Fragen der praktischen Umsetz- Erfahrungen im neuen Schuljahr zeigen –, lässt sich schon jetzt feststellen, dass sich das Profil des Faches dadurch grundsätzlich und für alle sichtbar verändert. Geschichte gilt immer noch, auch wenn im Lehrplan seit langem etwas anderes gefordert wird, als Fach, in dem Daten und Fakten auswendig gelernt werden; schlechte Noten erklären sich demnach als gerechte Strafe für Faulheit.

Ein genauerer Blick zeigt jedoch – und dies machen die neuen Vorgaben deutlich –, dass historisches Lernen nicht nur in der Aneignung von Wissen besteht, und schon gar nicht im Auswendiglernen von Daten und Fakten, die allenfalls dazu dienen, bei „Wer wird Millionär?” eine Runde weiterzukommen oder Gesprächspartner durch vermeintlich umfassende Bildung zu beeindrucken.

Der neue Lehrplan geht einen anderen Weg: So wird etwa die Einheit zur frühen Bundesrepublik unter die Fragestellung „Erfolg der Demokratie durch ‚Wohlstand für alle’?” gestellt. Die in der Wissenschaft gängige Überzeugung, dass am Beginn der historischen Erkenntnis eine Frage steht, findet nun auch ausdrücklich in den Formulierungen des Lehrplans Berücksichtigung. Um diese Frage zu eantworten, müssen Informationen zusammengetragen, bewertet, gewichtet und interpretiert werden. Es müssen schriftliche Quellen gelesen, Bilder analysiert und Karten ausgewertet werden. Es müssen Hypothesen aufgestellt, überprüft und bestätigt oder verworfen werden. Dabei wird auch die Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 näher zu betrachten sein – und dieses historische Ereignis wird sich den Schülern hoffentlich (sogar mit Jahreszahl) einprägen.

Für die Auseinandersetzung mit den Gründen jedoch, warum sich die Demokratie wider Erwarten so schnell und so erfolgreich durchgesetzt hat, ist die bloße Kenntnis der Jahreszahl und des Ereignisses wenig aussagekräftig. Um diese Frage beantworten zu können, ist es wichtiger, das Phänomen „Wirtschaftswunder” beschreiben, einige Grundprinzipien des Grundgesetzes erläutern und die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus beurteilen zu können. Mit Auswendiglernen allein ist es offensichtlich nicht getan. Dieses so erworbene historische Wissen ist eines, das weniger flüchtig ist als Daten und Fakten, die man sich schnell aneignen, aber genauso schnell vergessen kann. Aber es ist ein Wissen, das allmählich wächst, bei der Beschäftigung mit Bildern und Texten, im Gespräch, beim persönlichen Nachdenken und hoffentlich auch beim Lernen für Prüfungen.

Damit die Schüler in der Oberstufe auf diese Weise geschichtliche Fragestellungen bearbeiten können, muss damit bereits in der Unterstufe begonnen werden. Denn nach der Schule sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Geschichte in den vielfältigen und überaus attraktiven Erscheinungsformen der Geschichtskultur, sei es im Film, in Ausstellungen oder in historischen Festen, konfrontiert, und dann schadet es nicht, wenn man in der Schule gelernt hat, damit interessiert und auch kenntnisreich, aber nicht unkritisch umzugehen.

Es bleibt also zu hoffen, dass diese Veränderung hin zu einem thematisch aufgebauten Geschichtsunterricht das Profil des Faches als „Denk- und Arbeitsfach” weiter schärfen wird – damit man weiß, wozu es gut ist ...